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ISBN : 978-3-9396626-03-9
Einband : Paperback
Preisinfo : 12,90 €
rda
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis

Erzählungen des ewigen Mütterleins &
Erzählungen der Sonnenstrahlen


 
Ich bin das ewige Mütterlein, daher habe ich viel erfahren, gesehen und gehört. Trotz meiner Ewigkeit bin ich nicht alt, grau, häßlich und runzlig; noch bin ich jung, schön oder heiter. Mein Gang ist taktmäßig – nicht zu rasch und nicht zu langsam. Freilich schelten mich Viele faul, Andere nennen mich wieder eilig; doch mich bringt dies alles nicht aus meinem gesetzmäßigen Gange. Ich folge meinem Herrn und bin als seine Dienerin ans Gesetz gebunden, das ich nie übertreten kann, denn ich und das Gesetz – wir sind eins.
 
Adelma von Vay
 
Leseprobe: Das Paradies.
 
Es war einmal ein schönes Paradies. Da haben die Engel drin gespielt. Sie liebten sich alle untereinander. Sie küßten sich, sie sangen, sie sprangen herum; es war so hübsch! Sie liebten sich und wußten nicht, warum und wieso? - Das gefiel dem Teufel nicht. Der Teufel hat ein sehr zärtliches Herz. Er ist immer verliebt. Natürlich - nicht beständig. Er kam an die Grenze dieses Paradieses; es gefiel ihm ein kleines Engelchen ganz besonders. Das kleine Engelchen war weiß und rosig, hatte blaue Augen und gold'ne Haare. Es war ein schwärmerischer kleiner Engel. - Der Teufel kam: er war recht nett anzusehen. Ein schöner, großer, starker Mann, mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Er kam zum kleinen Engel und war gleich sehr keck. Er hat nicht lange gefragt: "liebst Du mich?" Er hat gleich gesagt: "ich liebe Dich!" und nahm es bei der Hand, streichelte es schön (seine Krallen waren eingezogen) und das Engelchen war ganz entzückt! So etwas war ihm noch nicht passiert: die anderen Engel waren so langweilig! Und als der Teufel dann fort ging, so war das Engelchen sehr betrübt - das wollte eben der Teufel. Das Engelchen aber fing an sich nach dem Teufel zu sehnen. Es konnte seine Worte nicht mehr vergessen; es wußte nichts von seinen Krallen, es kannte nur die Samtpfötchen. Der Teufel war aber ein feiner Kerl. Er ließ das Engelchen sich sehnen. - Einmal kam er wieder. Seine dunklen Augen sahen ihm recht tief in die blauen Augen, so tief, daß das arme Engelchen auf einmal zu weinen anfing. Da nahm er es beim Kopf und gab ihm einen ordentlichen Kuß. Darauf ging er fort - dies war eben eine höhere Politik. Das Engelchen kannte sich nun gar nicht mehr aus; es war furchtbar verliebt, weinte und betete. - Da sprach zu ihm der liebe Gott: "Armes Geschöpf! Nun mußt du Weib werden. Lege deine Flügel ab, nimm deine Tränen mit und geh' auf die Erde." - Und das Engelchen frug: "Werde ich ihn dort finden?" Es war ihm nicht bange um das herrliche Paradies, welches es nun, da es den Teufel liebte, verlassen mußte; es war ihm nur bang zu wissen, ob es ihn auf Erden finden würde. - Und der liebe Gott sprach: "Suche ihn!" - So kommt es, daß die Erde mit Weibern bevölkert wurde, wel- che ihn suchen. So kommt es, daß ihr an manchen Frauen die Stelle der Flügel noch seht, und daß sie weinen - weinen, wenn sie lieben! So kommt es, daß die Männer oft den Engel suchen und daß der Engel oft den Teufel liebt. - Ich glaube, daß am Ende der Engel den Teufel bekehrt! - Wenn schon des Teufels Wort: "Ich liebe dich", aus dem Engel ein Weib erschuf, wird denn dann nicht der Teufel zum Gott gemacht, wenn das Weib zu ihm spricht: "Ich habe dich lieb?" - die Geister gleich geschaffen sind; nur kann die Christenlehre den so großen Unterschied der Geister in ihren Eigenschaften – sobald sie Menschen wurden – nicht erklären, was jedoch die Geisterlehre herrlich und logisch erklärt. Die Christenlehre gibt dem Geiste nur das eine kurze Menschenleben, welches entscheidend sein soll für die Ewigkeit, für Hölle, Himmel oder Fegefeuer. Nach der Geisterlehre hört die ewige Verdammnis auf; der gefallene Geist hat einen Zyklus von Einverleibungen durchzumachen, bis er auf die Stufe gelangt, wo er der fleischlichen Geburt nicht mehr zu seiner geistigen Entwicklung bedarf, und wo dieses bindende Gesetz der Sühne und Reinigung aufhört. Der Fortschritt ist ewig, und das Böse wird endlich durch die Liebe besiegt.
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